Buchrezension | You People

Kein Mensch ist illegal

Wie weit würdest du gehen, um zu überleben, wenn das Gesetz gegen dich ist? Dieser Frage widmet sich die in Rajasthan geborene und Wales aufgewachsene Schriftstellerin Nikita Lalwani in ihrem dritten Roman „You People“.

Autorin: Nikita Lalwani

Genre: Roman, Fiktion

Review

Dreh- und Angelpunkt in „You People“ sind die Londoner Pizzeria Vesuvio und ihr charismatischer Besitzer Tuli, welcher es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, den armen und „illegalen“ Menschen in London zu helfen – mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Seine Pizzeria fungiert als Sammelstelle für Menschen, die keine andere Wahl haben, als ihr Leben von Grund auf neu zu beginnen. Unterstützung bietet der Restaurantbesitzer allen, denen er glaubt und vertraut – ob als Freund, Ratgeber, Kreditor oder Vermittler. Einigen Auserwählten verschafft er außerdem eine Stelle in seiner Pizzeria, mit oder ohne Arbeitserlaubnis. Eine von Tulis Schützlingen ist die 19-jährige Kellnerin Nia, die aus der von Suchterkranken besetzten Sozialwohnung ihrer alkoholabhängigen Mutter geflohen ist. Außerdem ist da auch noch Shan, ein vom Bürgerkrieg in Sri Lanka geflüchteter Tamile, der eigentlich Geologe und nicht Koch ist, und wie viele seiner Kolleg/innen ohne Dokumente in London lebt.

Lalwani erzählt mit „You People“ Nias und Shans Geschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und stellt dabei eine Vielzahl an moralischen Fragen zum Thema Migration. Wie weit kann und muss man gehen, um auch nach der Flucht am Leben zu bleiben? Welche Verpflichtungen haben „Legale“ gegenüber denen, die es nicht sind? Wie lebt man mit dem Gefühl ständiger Unwissen- und Unsicherheit? Ist dieses Leben überhaupt lebenswert? Und welche Auswirkungen haben gute Taten in einer Welt, die nicht gut ist? Die Autorin sieht tief ins Innere ihrer Protagonist/innen und kehrt deren Gefühlswelt mit malerischen Metaphern und poetischen Wortaneinanderreihungen nach außen. Dabei beleuchtet Lalwani aber keinesfalls nur einen Standpunkt, sondern wägt Pro und Contra verschiedener Fragestellungen miteinander ab. Die Erkenntnis: Oft existiert nicht nur eine, manchmal gar keine und niemals eine einfache Antwort.

„You People“ braucht anfangs ein wenig Zeit, bis die Handlung in die Gänge kommt, dafür trotzen die ersten Seiten von erstklassiger Rhetorik. Inhaltlich fesselt der Roman aber spätestens ab dem zweiten Teil. Mit Shans Suche nach seiner Frau und seinem Sohn, die er in Sri Lanka zurücklassen musste, erhält der Roman eine spannend-gefährliche, fast an einen Thriller erinnernde, Komponente, die unter schlichtweg unter die Haut geht. Im finalen Part nimmt die Erzählung dann eine solche Intensität an, dass man Lalwanis Werk vor der letzten Seite bestimmt nicht mehr aus der Hand legen will.

Fazit

„You People“ ist unterhaltsam und interessant, die Gefühle, die das Buch vermittelt, in erster Linie hoffnungsvoll und ehrlich. Die Geschichte(n), die Nikita Lalwani erzählt, sind bedeutsam und verdienen es, gehört bzw. gelesen zu werden. Dabei wird „You People“ aber nie zu einer belehrenden Predigt und bleibt im Großen und Ganzen dann doch auf der leichteren Seite. Was bleibt ist ein ist ein authentischer und sehr menschlicher Roman, der auch Tage nach dem Fertiglesen noch in Erinnerung bleibt.

Bewertung: 8/10 Punkte

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