Buchrezension | Imaginary Friend

„A nightmare is nothing more than a dream gone sick.“

Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund erscheint der alleinerziehenden Kate das kleine Städtchen Mill Grove als ein guter Ort, um mit ihrem 8-jährigen Sohn Christopher unterzutauchen. Doch schon kurz nach ihrem Umzug geschieht das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann: Ihr Sohn verschwindet. Und das für ganze sechs Tage. Als Christopher dann mitten im Wald wieder auftaucht, kann er sich nicht daran erinnern, wo und vor allem mit wem er in den vergangenen Tagen gewesen ist…

Autor: Stephen Chbosky

Genre: Thriller, Horror

Review

Ich habe mich sooo gefreut, als ich – mehr durch Zufall – das neue Buch von Stephen Chbosky im englischsprachigen Regal der Buchhandlung meines Vertrauens entdeckt habe. Chboskys absolut brillantes Erstlingswerk The Perks of being a Wallflower bzw. Vielleicht lieber Morgen dürfte jedem Buchliebhaber ein Begriff sein. Und alle anderen kennen höchstwahrscheinlich die grandiose Verfilmung mit unter anderem Logan Lerman, Emma Watson und Ezra Miller. So oder so: Ich persönlich habe den bisher einzigen Roman des Autors geliebt, mehrmals verschlungen und einige tiefsinnige Quotes daraus begleiten mich auch heute noch. Daher ganz klare Entscheidung: Stephen Chboskys zweites Buch Imaginary Friend, das nun knapp 20 Jahre nach dem Erstlingswerk erschienen ist, musste natürlich mit nach Hause und direkt in mein ohnehin schon überfülltes Bücherregal.

Ganz ehrlich: Ich hatte mir (natürlich!) eine Coming-of-Age-Story oder zumindest einen sensiblen Roman mit emotionalen, John Greene ähnlichen Vibes erwartet. Ich hatte mich auch schon wirklich darauf gefreut, wieder einmal ein echtes, feinfühliges Meisterwerk am Puls der Zeit zu lesen – etwas das zum Nachdenken anregt und mein Leben auf irgendeine Art und Weise nachhaltig bereichert. Alle, die sich Ähnliches von Imaginary Friend erwarten, muss ich an dieser Stelle ganz klar enttäuschen. Der Roman oder besser gesagt Horror-Thriller ist nämlich nichts von alldem. Vielmehr handelt es sich dabei um eine ganz klassische Horror-Lektüre a la Stephen King – ob das gut ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Doch nun erstmal zur Handlung und den Charakteren, die meiner Meinung nach sehr gut gelungen sind: Die zwei Protagonisten, den achtjährigen Christopher und seine alleinerziehende Mutter Kate, habe ich von Seite eins an ins Herz geschlossen. Christopher ist für sein Alter ganz besonders feinfühlig, rücksichtsvoll und durchaus intelligent, jedoch hat er mit einer Rechtschreib- bzw. Lernschwäche zu kämpfen, welche ihm den Schulalltag und sein persönliches Ziel, seine Mutter so oft es geht stolz zu machen, erheblich erschwert. Christophers Mutter Kate hatte es im Leben oft nicht einfach und befindet sich nun wieder einmal auf der Flucht von einem gewalttätigen Ex-Freund. Trotz ihrer begrenzten finanziellen Möglichkeiten, steht Christophers Wohlergehen und seine Bildung für Kate immer an erster Stelle und ihr Sohn ist in jeder Lage ihr größter Stolz und absoluter Lebensmittelpunkt.

Nach seinem rätselhaften, tagelangen Verschwinden ändert sich für Christopher und seine Mutter schlagartig alles: Plötzlich scheint das Glück immer auf ihrer Seite zu sein und Christopher beginnt besondere Fähigkeiten zu entwickeln. Doch gleichzeitig leidet er auf einmal auch an starken Kopfschmerzen, Schlafproblemen und Angstzuständen, welche er in Eigenregie mit starken Schmerztabletten versucht zu unterdrücken. Ein merkwürdiger Fixpunkt in alldem ist der Wald unmittelbar hinter Kate’s Haus. Dort zieht es Christopher auf mysteriöse Weise immer wieder hin und er verfolgt hartnäckig das unbegründete Ziel, bis Weihnachten dort gemeinsam mit seinen Freunden ein Baumhaus zu bauen.

Als Leser besitzt man bei Imaginary Friend immer mehr Wissen als die Charaktere, welche ,bis hin zu Christophers Lehrern und Mitschülern, allesamt sehr vielschichtig und detailliert beschrieben sind. Man erfährt sowohl von den einzelnen Schicksalen, Ängsten und Gedanken als auch von Christophers Gefühlen und seinen Erlebnissen in der „Imaginary World“. Dabei handelt es sich um eine absolut beängstigende und verstörende Parallelwelt, in der Christopher im Laufe der Geschichte immer mehr und mehr zu versinken droht. Was Horrorfilme und angsteinflößende Literatur betrifft, würde ich mich selbst wirklich als einigermaßen abgehärtet bezeichnen. Doch Imaginary Friend war in dieser Hinsicht echt Next Level. Die skurrile Komposition aus Alpträumen, kindlichen Grundängsten und dem abgrundtiefen Bösen in Gestalt von schrecklichen, von Schmerz gezeichneten Figuren und Stilmitteln hat mich bis ins Mark erschüttert. Gepaart mit der so virtuosen, schönen und teilweise naiv-kindlichen Sprache war Imaginary Friend echt ein wahrer Horror-Trip in die menschlichen Abgründe.

Auf den ersten paar hundert Seiten des, satte 700 Seiten langen, Horror-Thrillers habe ich noch darauf gehofft, am Ende eine plausible, logische Erklärung für alle paranormalen Geschehnisse und das teilweise unnachvollziehbare schreckliche Verhalten mancher Charaktere zu erhalten. Dem war leider nicht so. Auch, wenn man schlussendlich viele Figuren aufgrund der Offenbarung ihrer dunklen Geheimnisse und ihrer Vergangenheit besser versteht, bleibt vieles ganz einfach ungeklärt bzw. die Erklärung bedient sich dann an Begriffen wie z. B. „Gott“ und „Hölle“ und ist für mich somit eindeutig fiktional und ohne Realitätsbezug.

Beim Lesen von Imaginary Friend haben sich mir hauptsächlich drei Fragen gestellt, die ich mir selbst bis zum Ende nicht eindeutig beantworten konnte:

  1. Kann es eventuell sein, dass sich der Autor bei diesem Werk ein wenig Inspiration von der Netflix-Serie Stranger Things geholt hat?
  2. Ist das Alter von Christopher und seinen Freunden nicht komplett falsch gewählt? Welcher Achtjährige therapiert sich denn bitte selbst mit harten Schmerzmitteln und schleicht sich nachts heimlich in den Wald?
  3. Waren über 700 Seiten denn wirklich nötig? Hätte es nicht vielleicht auch die Hälfte getan, wenn sich manche Szenen nicht gefühlt hundertmal wiederholt hätten?

Abschließend kann ich sagen, dass ich mir Imaginary Friend ganz sicher nicht gekauft hätte, wäre mir bewusst gewesen, auf welches Genre ich mich da einlasse. Ich bin dann doch eher Fan von halbwegs realitätsnahen Geschichten mit eindeutiger Auflösung, selbst wenn die diese dann im halsbrecherischen Fitzek-Stil erfolgt. Mit Fantasy und paranormalen Elementen wie in diesem Horror-Thriller kann ich persönlich leider nicht allzu viel anfangen.

Fazit

Ich hatte mir etwas ganz Anderes und irgendwie auch viel mehr von diesem Buch erwartet und war daher ein wenig enttäuscht. Dennoch ist bin ich weiterhin ein echter Fan von Stephen Chboskys emotionsgeladenem, virtuosen Schreibstil, welcher bei mir echte The Perks of being a Wallflower und Looking for Alaska Vibes geweckt hat. Freunde des Horror-Genres und Stephen King Fans kommen bei Imaginary Friend aber ganz bestimmt auf ihre Kosten.

Bewertung: 6/10 Punkte

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