Buchrezension | Unter der Drachenwand

Die vielen Stimmen des Krieges

Ein junger Wehrmachtssoldat auf Genesungsurlaub, eine frisch verheiratete „Reichsdeutsche“ mit ihrem Neugeborenen, eine verschickte Mädchenschulklasse mit ihrer seltsam schweigsamen Lehrerin und ein von der Freiheit träumender „Brasilianer“ – sie alle kommen im Jahr 1944 am Mondsee zusammen. Und warten, wohlwissend, dass sie nie dazu in der Lage sein werden, all das Geschehene vollständig zu verarbeiten, darauf, dass der Krieg endlich ein Ende findet.

Autor: Arno Geiger

Genre: Roman, Anti-Kriegsroman

Review

Puh! Für diesen Roman habe ich wirklich eine gefühlte Ewigkeit gebraucht. Etwa genau in der Mitte des Buches habe ich es für über eine Woche aus der Hand gelegt und konnte mich gar nicht dazu motivieren, weiterzulesen. So blöd es klingt: Irgendwie war mir da einfach zu wenig Action und auch auf Höhepunkte habe ich vergeblich gewartet. Als ich mich dann dazu „gezwungen“ habe, weiterzulesen, habe ich die zweite Hälfte des Romans an einem Tag verschlungen. Tja, jetzt stehe ich vor der Aufgabe, eine Rezension zu verfassen und weiß eigentlich gar nicht so recht, wie meine Meinung zu Unter der Drachenwand lautet.

Gekauft habe ich Unter der Drachenwand eigentlich, weil ich seit Der alte König in seinem Exil ein echter Fan von Arno Geiger und seinem Schreibstil bin. Und der hat mich auch bei diesem Roman absolut nicht enttäuscht. Ich muss zugeben: Ja, dieses Buch war eindeutig eine anspruchsvollere Lektüre als meine gewohnten Psychothriller, die alle in erster Linie das Ziel haben, die Leser zu unterhalten. Wahrscheinlich empfand ich Unter der Drachenwand gerade deshalb anfangs ein wenig „anstrengend“ zum Lesen. Dieser Roman will nämlich nicht primär unterhalten. Viel mehr ist er eine ziemlich detaillierte Zeichnung der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs und dessen Einzelschicksalen.

Stichwort Schicksale: Arno Geiger bietet mit Unter der Drachenwand einer Vielzahl individueller, realer Personen eine Bühne. Und mit „real“ meine ich wirklich real: Der Autor konstruiert die Handlung nämlich anhand echter Personen und deren Tagebüchern, Notizen und Briefen.

Haupterzähler ist der 24-jährige Wiener Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der an der Ostfront durch einen Granatsplitter verletzt wurde. Anstatt daheim bei seinen Eltern in der Possingergasse auf seine erneute Einberufung zu warten, verbringt Veit seinen Genesungsurlaub in Mondsee am Mondsee in Salzburg. Dort wird der Soldat in einem sehr bescheidenen Quartier, anfangs ohne Ofen und gescheite Matratze, bei einer äußerst unfreundlichen Quartiersfrau untergebracht. Obwohl es sich anfangs schwierig gestaltet, beginnen seine körperlichen Wunden bald zu heilen. Doch die seelischen Verletzungen wie nervöse Anfälle und Depressionen, die Veit aus dem Krieg davongetragen hat, scheint Veit wohl eher nicht mehr loszuwerden.

Schon bald tritt die „Reichsdeutsche“ Margot, die mit ihrem Säugling aus Darmstadt nach Mondsee gekommen ist und in Veits Nebenzimmer wohnt, in Erscheinung. Auch der Bruder der Quartiersfrau, welcher gegenüber des Hauses eine Gärtnerei betreibt und von allen nur der „Brasilianer“ genannt wird, vertraut sich Veit an. Weiters sind noch Veits Onkel, der örtliche Polizeikommandant, sowie die verschickte Mädchen-Schulklasse (insbesondere ein aufgewecktes Mädchen namens Nanni), die unten am See lagert, von Bedeutung. Auch Margots Mutter, die im zerbombten Darmstadt zurückgeblieben ist und Nannis älterer Cousin Kurt aus Wien kommen mittels Briefen immer wieder zu Wort.

In Unter der Drachenwand bekommen fast alle Charaktere eine eigene Stimme. Man liest die Tagebucheinträge von Veit, den Briefverkehr von Margot und ihrer Mutter und die kindlichen Liebesbriefe von Nanni an ihren Cousin Kurt. Für jeden Charakter bedeutet der schon Jahre andauernde Krieg, etwas anderes und die Dauer und der Ausgang des Krieges sind für alle Beteiligten noch ungewiss. So hat jeder lediglich mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen: Seien es nun Veits Angstzustände, Margots Mutters Alltag im völlig zerstörten Darmstadt oder Nannis erste Liebesprobleme. In einen spannenden Kontext gerückt wird das Ganze, als plötzlich auch der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort kommt. Ihm gelingt zusammen mit Frau und Kind zwar die Flucht aus Wien, jedoch wird seine Familie in Ungarn deportiert und so meldet er sich gegen Ende des Kriegs schließlich freiwillig zur Zwangsarbeit. Im Vergleich zum zeitgleichen Alltag des Juden, wirkt das Leben in Mondsee dann auf einmal wie aus einer anderen Welt. Eins haben alle Charaktere gemeinsam: Ihre Seele ist vom Krieg unheilbar verwundet.

Eine Besonderheit des Buchs: Obwohl der Zweite Weltkrieg allgegenwärtig ist, tauchen Nazis so gut wie gar nicht auf. Zwar wird immer wieder einmal vom „H.“ oder vom „F.“ gesprochen und Veit trifft bei seinen zahlreichen Behördengängen natürlich auch auf Mitglieder der Partei… Das wars dann aber auch schon.

Auch wenn ich anfangs wirklich lange gebraucht habe, bis mich das Buch in seinen Bann gezogen hat, war die zweite Hälfte dann dafür umso besser. Dennoch: Unter der Drachenwand ist definitiv kein Pageturner, aber das sollte man sich beim Kauf eines solchen Romans aber auch nicht erwarten. Fakt ist: Unter der Drachenwand lässt einen ganz bestimmt betroffen zurück. Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass Arno Geiger nach dem eigentlichen Ende seines Romans noch auf das weitere Leben der einzelnen Charaktere eingeht. Ich persönlich hätte keinen Frieden gefunden, wenn ich beim Zuklappen des Buchs nicht Klarheit darüber gehabt hätte, ob die realen Personen denn nun den Krieg überlebt haben oder nicht. Also: Danke dafür!

Fazit

Kein Pageturner, aber ganz sicher lesenswert. Arno Geiger schildert auf eine ganz berührende Weise, den Alltag in Österreich in den letzten Kriegsjahren. Unter der Drachenwand geht einem ans Herz und an die Nieren und lässt definitiv keinen Leser teilnahmslos zurück. Eine Empfehlung für alle, die interessiert an der Vergangenheit sind und sich mit realen Schicksalen beschäftigen wollen.

Bewertung: 7/10 Punkte

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