Buchrezension | Opfer 2117

Die Realität – härter als jede Fiktion

Nacheinander werden sie ans Ufer geschwemmt. Menschen, denen die Flucht aus ihrem Heimatland und in ein besseres Leben um Haaresbreite nicht gelungen ist. Doch eine Leiche ist anders – die alte Frau ist nicht im Meer ertrunken, sie wurde erschossen. Das Foto von Opfer 2117 geht um die Welt. Ausgerechnet in Dänemark stößt es gleich zweimal auf besonders große Aufmerksamkeit: Zum einen sieht ein introvertierter Einzelgänger darin den Grund für einen bestialischen Rachefeldzug gegen die Kälte und das fehlende Mitgefühl der Menschheit, zum anderen erkennt Assad, Carl Morcks Mitarbeiter beim Sonderdezernat Q, in der alten Frau eine alte Bekannte wieder – und wird dadurch auf brutale Weise mit seiner Vergangenheit im nahen Osten konfrontiert.

Autor: Jussi Adler-Olsen

Genre: Thriller, Kriminalroman

Review

Im Oktober 2021 erscheint mit „Natriumchlorid“ der neunte Band der Sonderdezernat Q-Reihe des dänischen Autors Jussi Adler-Olsen. Ein guter Zeitpunkt, seinen Vorgänger „Opfer 2117“ nochmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das Sonderdezernat Q und seine Ermittler haben viele schon längst ins Herz geschlossen – egal ob den mürrischen Kommissar Carl Morck, seinen liebenswerten, aber knallharten Assistenten Assad oder ihre taffe „Sekretärin“ Rose. Auch die individuellen Protagonisten und Fälle jedes einzelnen Bandes schaffen es immer wieder aufs Neue zu überzeugen. Leider hinkte bereits der siebte Band der Reihe („Selfies“) in dieser Hinsicht schon ein wenig hinterher. Im Vergleich zu seinen Vorgängern um ca. 200 Seiten länger, war das Buch auch dementsprechend langatmiger und musste so einige Spannungspunkte einbüßen. Ob das bei „Opfer 2117“ auch der Fall ist?

Flüchtlingskrise, Terroranschlag, Amoklauf – thematisch ist „Opfer 2117“, wie man es von Adler-Olsen gewohnt ist, am Puls der Zeit, der Klappentext verspricht viel. Schon bald wird klar: In diesem Band steht die Vergangenheit des syrischen Ermittlers Assad im Mittelpunkt. Das bringt natürlich eine riesige Themenvielfalt mit sich. Jussi Adler-Olsen entscheidet sich in „Opfer 2117“ dafür, nicht auf ein oder zwei, sondern auf nahezu alle möglichen Schwerpunkte einzugehen. Das benötigt sehr viel Zeit, die er sich vor allem am Anfang des Buchs nimmt. Erst nach etwa einem Drittel des Romans kommt Bewegung in die Erzählung und es beginnt, spannend zu werden. Etwa ab der Mitte geht es dann – in alter Carl-Morck-Manier – so richtig zur Sache. Und ab da zieht einen die Geschichte dann auch wirklich voll und ganz in ihren Bann.

Ähnlich wie beim vorherigen Band agieren die Ermittler in „Opfer 2117“ vorwiegend im Hintergrund. Auf witzige Wortakrobatik von Assad, scharfsinnige Schlussfolgerungen von Rose oder bissige Kommentare vom Hauptermittler Carl muss man also wohl oder übel fast gänzlich verzichten. Und das, obwohl genau diese Kleinigkeiten eigentlich den Charme des ganzen Sonderdezernat Qs ausmachen und die Balance zwischen Spannung und Unterhaltung bewahren. Das liegt zum einen daran, dass ein Großteil der Handlung in Deutschland spielt und hier nicht viel für das Sonderdezernat Q zu ermitteln übrig bleibt. Doch auch wenn die lieb gewonnen Protagonisten weniger präsent sind, ist „Opfer 2117“ zu großen Teilen ein mitreißendes Leseerlebnis und richtig spannend. Außerdem ist es sowohl faszinierend als auch verstörend, hinter die Kulissen eines geplanten Terroranschlags zu blicken und den internationalen Behörden bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen.

Fazit

Im Endeffekt ist „Opfer 2117“, trotz Startschwierigkeiten, wie gewohnt lesenswert. Jussi Adler-Olsen mit umfangreichreicher Recherche einen Roman am Puls der Zeit geschaffen, der nicht nur primär unterhalten, sondern auch die Augen seiner Leser öffnen will – und das schafft er auch. Jetzt heißt es, auf den 20. Oktober zu warten. Da erscheint nämlich der neunte Band der Sonderdezernat Q-Reihe: Natriumchlorid.

Bewertung: 7/10 Punkte

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