Buchrezension | Liebes Kind

„Heute hat Papa uns eine neue Mama gebracht…“

Das Leben in der fensterlosen Hütte mitten im Wald folgt strengen Regeln: Mahlzeiten, Lerneinheiten und sogar Toilettenbesuche haben bestimmte Zeiten. Der „Ziruklationsapparat“ sorgt für Sauerstoff, um alles andere kümmert sich Papa. Er bringt die Lebensmittel, macht Tag und Nacht und sorgt dafür, dass die Kinder und vor allem Mama sich an die Regeln halten. Denn man muss immer brav und höflich sein. Sonst wird man bestraft.

Autorin: Romy Hausmann

Genre: Thriller

Review

Liebes Kind hat mich von Anfang an in seine Bann gezogen. Die Geschichte beginnt nämlich dort, wo die meisten Thriller aufhören. Damit, dass „Mama“ und den Kindern die Flucht aus ihrer Gefangenschaft gelingt. Sofort werden die Ermittlungen in einem, eigentlich längst als „ungeklärt“ abgestempelten, Fall wieder aufgenommen und Eltern, deren Leben mit dem Verschwinden ihrer Tochter vor über 14 Jahren endete, schöpfen neue Hoffnung.

Die Geschichte wird aus drei, ständig wechselnden Perspektiven erzählt. Zum einen aus der Sicht von Jasmin, der Frau, die schlussendlich sich selbst und die beiden Kinder aus der Hütte befreien konnte. Sie hat durch ihre Gefangenschaft jegliches Vertrauen zu anderen Menschen, das Gefühl von Sicherheit und ihre eigene Würde verloren und kann sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass ihr Leid nun endgültig vorbei sein soll. Zum anderen wird die Geschichte aus der Sicht von Mathias erzählt, dessen Tochter Lena vor 14 Jahren nach einer Party spurlos verschwand und nachweislich die Mutter der Kinder aus der Hütte ist. Zu guter Letzt erfährt man auch noch Hannahs Perspektive. Hannah ist Lenas Tochter und kennt .

Vor allem Hannahs Perspektive hat mich beim Lesen komplett gefesselt. Sie beschreibt auf eine so kindliche und naive Weise die schrecklichen Dinge, die in der Hütte passiert sind und sieht darin nichts Falsches. Sie kennt keine andere Art zu leben und liebt sowohl ihren Papa als auch ihre Mama. Auch wenn ihre Mama sich in ihren Augen oft dumm verhält z.B. wenn sie wieder einmal weint oder Papa anschreit.

Eben diese kindliche Naivität fand ich an Liebes Kind sehr interessant. Das Buch zeigt ausgezeichnet, wie wir von unseren Eltern geprägt werden. Außerdem war es auch sehr spannend zu sehen, welchen Belastungen (Missbrauchs)opfer selbst in „Sicherheit“ noch ausgesetzt sind. Von den psychischen Folgen ihres Schicksals bis hin zum skrupellosen Eindringen in ihre Privatsphäre durch Presse und Co.

Der Schreibstil und die Herangehensweise an die Story von Liebes Kind machen dieses Buch für mich schlussendlich so unverwechselbar. Die Geschichte an sich – Entführung, Vergewaltigung, Missbrauch, Gefangenschaft und Demütigung – ist nicht neu. Romy Hausmann rollt dieses altbekannte Muster jedoch auf eine komplett neue Art und Weise auf. Ich habe wirklich schon viele Thriller gelesen, doch Liebes Kind lässt sich mit keinem von ihnen vergleichen. Natürlich ist auch die Story an sich wirklich gut. Seite für Seite erfährt man neue Puzzleteile, die sich erst ganz am Ende zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen lassen. Als Leser wird man während dem Lesen laufend mit neuen Informationen gefüttert, was das Buch keine Zeile lang langweilig erscheinen lässt. Ich habe bis zum Ende mitgefiebert und -gerätselt.

Eine weitere Sache, die positiv hervorzuheben ist: Romy Hausmann lässt ihre Leser befriedigt zurück. Ich hasse es, wenn ich mich selbst am Ende eines Buchs mit offenen Fragen vorfinde und die Handlung im Endeffekt nicht in sich schlüssig ist. Bei Liebes Kind ist das keineswegs der Fall. Ob einem das Ende gefällt oder nicht – schlussendlich werden alle Fragen, die sich einem während dem Lesen stellen, mehr oder weniger ausführlich beantwortet.

Fazit

Was für ein unglaublicher Thriller! Eine – zugegeben nicht ganz neue – Geschichte wird hier auf eine so interessante und andere Art erzählt, dass man das Buch, sobald man mit dem Lesen begonnen hat, nur schwer wieder aus der Hand legen kann. Dass es sich hierbei um das Debüt von Romy Hausmann handelt, ist wirklich kaum zu glauben. Die nachfolgenden Bücher der Autorin werden definitiv wieder in meinem Regal landen!

Bewertung: 10/10 Punkte

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